Eigentlich müssten sie schon im Ziel sein. Vermutlich sind sie irgendwo bei Kilometer 98 falsch abgebogen. Aber wie kann das sein? Und wohin jetzt? Und dabei lief bisher alles so gut.

Zugegeben: Die Nacht vor dem Start war auch schon kein Zuckerschlecken. Aufregung hielt Tamara und Thomas Detert und Ruth und Peter Urban wach. Doch um 7:30 Uhr morgens stehen sie an der Startlinie des Oxfam Trailwalk, einem 100 Kilometer-Lauf durch den Harz. Voraussetzung für die Teilnahme am Lauf ist neben einer guten körperlichen Verfassung auch das Erreichen eines Spendenziels: 2.000 Euro, die Oxfam in Projekte zur Förderung von Frauen in Entwicklungsländern einsetzt.

Diese erste Hürde zu überwinden erwies sich als anspruchsvoll. Nachdem das Team sich kurz nach Ostern 2012 angemeldet hatte, starteten sie ihre Sammel-Aktion – zunächst mit wenig durchschlagendem Erfolg. Richtig ins Rollen kam der Stein erst, nachdem eine gewisse Anschubfinanzierung gewährleistet wurde. „Wenn die Leute sehen, dass nur noch wenige hundert Euro bis zum Ziel fehlen, steigt die Bereitschaft.“ stellten die Teammitglieder fest.

Am Tag des Starts ist das Spendenziel jedenfalls weit übertroffen und die Stimmung der Engel und Helden auf einem Höhepunkt. Unterstützt wird dies durch den begeisterten Zuspruch des Publikums, das die Strecke zu weiten Teilen Tag und Nacht säumt. Darunter die ca. 600 Freiwilligen, die an den Checkpoints mit Nahrung, Flüssigkeit und erster Hilfe bereit stehen. Das Team hat für den eigenen Support zwei Helfer aktivieren können, Denis Sever-Seni und Hawe Klein, ohne die sie die Strecke nicht bewältigt hätten. Denn neben der gastronomischen und moralischen Unterstützung koordinieren die beiden auch den Nachschub an Equipment: Allein Tamara und Ruth wechseln während des Laufs viermal die Schuhe, um sich dem anspruchsvollen Terrain anzupassen.

Der Trail verläuft nämlich nicht nur über breite Feldwege sondern führt auch über den Harzer Hexenstieg und durch harzer Unterholz. Die Zielvorgabe, den Weg in unter 30 Stunden zurückzulegen macht es unumgänglich, auch nachts zu wandern. Die Pausen, die das Team einlegt, bleiben überschaubar. Dazu kommen Blasen an den Füßen, Rücken- und Knieschmerzen – klar, dass die Stimmung einzelner Teammitglieder zeitweilig absackt. Doch gegen die Leistungstiefs haben die Engel und Helden ein einfaches Mittel: Gas geben! Wann immer sie das Gefühl haben, körperlich am Ende zu sein, beginnen sie zu laufen. Auf diese Weise schaffen sie es durch die Nacht und als die Marke von 70 Kilometern überschritten ist, steht die Gewissheit: Den Rest schaffen wir auch noch! Doch dann kommt Kilometer 98.

Der Trail ist eigentlich gut beschildert. (Tipp: Wer möchte, kann die 100 Kilometer auch unabhängig vom Spendenlauf und jederzeit im Jahr zurücklegen.) Nachdem länger kein Schild mehr aufgetaucht, der GPS-Distanzmesser just bin dem Moment den Geist aufgibt, wird dem Team klar: „Wir sind vom rechten Weg abgekommen.“ Ernüchterung und Frustration machen sich breit – aber nur kurz. Denn das Wissen, die 100 Kilometer bereits geschafft zu haben hilft zurückzugehen und von dort aus die restliche Strecke zu bewältigen.

Nach 25 Stunden ist es schließlich soweit: Die Ziellinie wird überschritten. Jubel und Medaillen erwarten die Läufer; auch die beiden Supporter sind wieder da. Auf den Fotos trägt unser Team ein fast ungläubiges Lächeln: Wirklich geschafft? Die Erschöpfung macht sichtbare Euphorie zunächst unmöglich. Ins Bett fallen die Läufer nach einem ordentlichen Frühstück mit dem warmen Gefühl von Erleichterung und Stolz – sehr viel Stolz! Sowie mit dem Gedanken, nächstes Jahr vielleicht wieder dabei zu sein. Allerdings ohne den kleinen Umweg am Schluss.

Für alle Interessenten: http://trailwalker.oxfam.de/