Was treibt einen Marathoni nach Berlin?

Berlin ist groß, Berlin ist voll. Sehr voll. In diesem Jahr gab es 36.817 Finisher laut SCC-Events, dem Veranstalter. So viele Finisher, wie noch nie zuvor. Solche Dimensionen, hatten mich bisher immer abgeschreckt. Das bedeutet Gedränge, Wartezeiten, lange Wege. Stress, den ich eigentlich kurz vor einem Marathon nicht haben möchte. Meine bisher größten Marathons, gemessen an den Teilnehmerzahlen, waren Hamburg, Amsterdam und Rotterdam. Mit vierzehn- bis zwanzigtausend Läufern, eher beschaulich im Vergleich zu Berlin. Ich wollte deshalb einmal selbst herausfinden, was ist dran an der Faszination für den Hauptstadtlauf. Warum wollen so viele immer wieder dabei sein.

 

Berlin Vital

Den ersten Eindruck von den Dimensionen dieses Marathons, gewinnt man auf der Messe Berlin Vital. Dem Ausgabepunkt der Startunterlagen. Am späten Freitagnachmittag angereist, machte ich mich gleich auf den Weg dorthin. Ich wollte auf jeden Fall die Abholung am Samstag vermeiden, wie es der Veranstalter wegen der großen Besucherströme empfiehlt.

Die Messe ist im alten Berliner Flughafen Tempelhof untergebracht. Wenn man sich dem Vorplatz nähert, sieht man sie schon von weitem. Scharen von Läufern, die wie die Ameisen emsig in und aus dem Abfertigungsgebäude strömen. Sport liegt in der Luft. Das spürt man sofort. Es ist international. Aus dem Stimmengewirr hört man zahlreiche verschiedene Sprachen. Bekannte und unbekannte.

Von der Abfertigung aus, geht es in Richtung Flugfeld. Dort im Außenbereich, finden verschiedene Events und Vorführungen statt. Man wird empfangen von einem kleinen Dorf. Hier sind bereits die ersten Stände. Etliches für Skater ist dabei, die in Berlin samstags ihren eigenen Marathon haben. Ein Caterer hat seinen Pavillon aufgebaut. Es gibt Getränkestände. Das Ganze hat fast ein bisschen Volksfestcharakter. Weiter geht es in die Messehallen. Auf den zahlreichen Ständen sind alle vertreten, die im Laufsport Rang und Namen haben. Das Angebot an Sportartikeln, Accessoirs und Ernährungsprodukten, erschlägt einen förmlich.

Aber auch viele kleinere Anbieter sind dabei. Der Blick hierhin lohnt sich wirklich. Denn man findet durchaus Neues und Interessantes im Angebot. Auch wer auf der Suche nach weiteren interessanten Marathons ist, wird fündig. Zahlreiche Veranstalter informieren ausführlich auf der Messe über ihre Läufe. Berlin Vital ist aber nicht nur Messe. Berlin Vital ist auch Treffpunkt. Alte Freunde und Bekannte, man hat das Gefühl, irgendwie jeder, den man aus der Marathonszene kennt, ist anwesend.

Dafür sorgt allein schon der Hype auf Facebook, den der Berlin-Marathon bereits Wochen vorher auslöst. Die Läuferszene ist extrem gut vernetzt und bei kaum einem anderen Laufevent lese ich so oft von meinen Facebookfreunden, dass sie dabei sind. Und noch mehr wären es gerne, scheitern aber an der Startplatzvergabe. Berlin hat bei Marathonis Kultstatus.

Der Tipp des Veranstalters, war übrigens Gold wert. Die Messe war zwar Freitag Abend immer noch gut besucht, aber Wartezeiten bei der Startnummernausgabe, hatte ich keine.

 

Berlin sehen und erleben

Auch wenn man sich auf der Messe fast den ganzen Tag aufhalten könnte, wäre das viel zu schade. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten und Einkaufsmöglichkeiten laden dazu ein, sich Berlin aus der Nähe anzuschauen. Entweder man sucht sich punktuell bestimmte Ziele oder nutzt eines der verschiedenen Sightseeingangebote mit Bus oder Schiff. Denn zumindest am Tag vor dem Marathon, sollte man allzu anstrengende Stadtbesichtigungen zu Fuß vermeiden.

Wir, das heißt ich und mein Supporterteam, bestehend aus Frau, Kindern und Hund, beschlossen diesmal die Gegend rund um KadeWe und Ku-Damm zu erkunden.

Es war ein Traumwetter und wir haben den Tag sehr genossen. Überall begegneten uns andere Läufer. Ich glaube, bereits am Samstag hatten die Marathonis Berlin fest in ihrer Hand. Rückblickend betrachtet, war das denke ich der erste Moment, in dem mich selber die Faszination an Berlin gepackt hat. Bei kleineren Marathons in anderen Großstädten, geht man doch eher in der Masse „normaler“ Touristen und Stadtbesucher unter.

In Berlin hatte ich schon am Samstag das Gefühl, inmitten der Marathongemeinde zu sein.

Dieser unbeschreiblich positiven Gemeinschaft von Amateursportlern aus aller Herren Länder. Die, egal welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören, hier zusammengekommen sind, um friedfertig gemeinsam ein riesiges Fest in den Straßen der Hauptstadt zu feiern.

 

Vor dem Start

Wem lange Wartezeiten bei der Startnummernausgabe erspart blieben, der bekommt spätestens bei der Startaufstellung einen der wenigen Nachteile dieser Megaveranstaltung zu spüren. Wer zeitig in seinem Startblock sein will, der muss früh da sein. Das heißt auch, besonders früh aufstehen und früher losfahren zum Start, als bei anderen Marathons. Vor allem bis zu den vorderen Startblöcken A bis F ist es noch ein weiter Weg vom Einlass an der Reichstagswiese. Die Zugänge zu den Blöcken werden kontrolliert. Ein Rückstau ist deshalb unvermeidbar. Ich hatte das unterschätzt und ein bisschen getrödelt. Ich bin erst um halb neun los in Richtung Start. Kam dann anfangs kaum vorbei an den Läufern hinterer Blöcke, um bei meinem Block erneut in einer sich nur mühselig voranschreitenden Schlange zu stehen. Inzwischen war es fünf vor neun geworden. Den Zeitdruck im Nacken, fingen einige Läufer plötzlich an, einen Teil der Absperrzäune abzubauen. Ein Gitter kippte mit den spitzen Enden in Richtung der wartenden Menge. Von hinten schoben immer mehr Läufer nach. Eine durchaus kritische Situation, die nahe an einer Panik grenzte. Aber alles ist gut gegangen und ich war gerade noch rechtzeitig in meinem Block. Dort zu stehen, das Brandenburger Tor im Rücken und Start und Siegessäule vor Augen, da kommt einem schon die Gänsehaut. So weit das Auge reicht, ein Meer von Läufern. Friedlich vereint. Sport verbindet. Bei kaum einem anderen Event kann man das so intensiv erleben, wie bei einem solchen Marathon.

 

Die Strecke

Gespickt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, ist auch die Strecke in Berlin etwas Besonderes. Man könnte sich fast die Stadtrundfahrt schenken, wenn man beim Laufen einen Blick dafür hat. Wie die meisten Läufer, setze ich mir persönlich ein Zeitziel, das ich gerne erreichen möchte. Aber Marathon in einer fremden Stadt zu laufen, wäre für mich kein wirkliches Erlebnis, wenn ich nicht auch links und rechts des Weges schauen würde.

Als Bundeshauptstadt, versprüht Berlin ein ganz besonderes Flair. Doch nicht nur die schönen und interessanten Stadtansichten begeistern. Auch die sehr große Zahl begeisterter Zuschauer, die vielen musikalischen Streckenbelebungen und die zahlreichen Hotspots machen große Freude und beflügeln den Lauf.

Ich habe diese Strecke sehr genossen. Bei perfektem Wetter, lief bei mir alles rund. Von Anfang bis Ende, konnte ich meine Zeit konstant durchlaufen, ohne Einbruch. Und von der Strecke, habe ich sehr viele wunderschöne Eindrücke mitgenommen, die ich so schnell nicht vergessen werde. Aber das Beste, kommt ja bekanntlich zum Schluss.

 

Das Finish

Zugegeben, durch das Brandenburger Tor zu gehen oder laufen, ist heute nichts Besonderes mehr. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass es gerade einmal zweieinhalb Jahrzehnte her ist, dass hier noch die Grenze zu West-Berlin verlief.

Allein deshalb finde ich es schon etwas Besonderes, die letzten Meter hier hindurch zu laufen. Doch auch ohne diesen Rückblick in die Geschichte, ist das Finish in Berlin einfach ein packendes Erlebnis.

Wenn man die letzte Kurve nimmt, von der Glinkastraße auf Unter den Linden, die Kraft schon fast am Ende ist und man noch einmal alles gibt, den Blick auf das Brandenburger Tor gerichtet, dann ist das schon eine imposante und bewegende Kulisse.

So bewegend, dass man eigentlich denkt, man hat´s geschafft und würde gleich am liebsten dahinter stehen bleiben. Gemeinerweise ist das nicht der Fall. Knappe vierhundert Meter sind es noch. Aber die sind auch noch zu schaffen.

 

Mein Fazit

Ich habe groß getönt in Berlin. Berlin ist toll, habe ich gesagt, aber man muss es jetzt nicht unbedingt regelmäßig haben. Berlin ist auch anstrengend, stressig, vielleicht auch manchmal nervig. Wegen der vielen Menschen, der weiten Wege, der Wartezeiten. Auch wegen der Verkehrsverbindungen. Vom Hotel zum Start, musste ich viermal umsteigen. In Tempelhof habe ich ewig auf ein Taxi gewartet und bin am Ende doch zu Fuß gegangen.

Ich gebe zu, ich habe mich geirrt. Berlin muss man regelmäßig haben. Berlin ist einzigartig. Auch mich hat das Fieber gepackt.

von Apotheker Andreas Binninger