Der 42.Berlin-Marathon wurde nicht nur für die  Weltelite zum unvergesslichen Erlebnis. Fast 41.000 Ausdauersportler aus 130 Ländern schwebten auf  einer Endorphinwelle. Der Berliner Tiergarten wurde frisch gedüngt und die  halbe Stadt feierte mit den Läufern eine Marathon-Party der Extraklasse.

Jeder Marathonläufer ist ein Sieger. Die Teilnehmer des diesjährigen Berlin-Marathons waren gleich doppelte Sieger. Denn sie zählten zu den Privilegierten, die überhaupt an den Start gehen durften. Weil 2013 die 40.000 Startplätze innerhalb von nur 3,5 Stunden ausverkauft waren, werden die Startplätze nun per Lotterie vergeben. 74.000 Läufer wollten diesmal eine Startnummer um 98 Euro „gewinnen“. Wer kein Losglück hatte, konnte sich nur noch ein teures Marathon-Package bei einem Reiseveranstalter kaufen. Oder aber er zählte zu den Auserwählten, den ganz besonderen Glückspilzen und gewann – so wie ich – einen Startplatz bei Wobenzym.

Der Ärger der Läufer über das neue Auswahlverfahren ist aber spätestens am Start vergessen.

Schon um sieben Uhr früh ist eine regelrechte Völkerwanderung unterwegs. Aus allen Richtungen strömen sie in das großzügige Marathon-Gelände vor dem Berliner Bundeskanzleramt. Nur wer eine Startnummer und ein Armbändchen vorzeigen kann, bekommt Einlass. Trotz des Gedränges kann aber niemand verloren gehen. Dutzende der insgesamt 5.500 freiwilligen Helfer weisen den Läufern den Weg zu den richtigen Gaderobezeiten. Dank  deutscher Gründlichkeit gelingt selbst bei einer solchen Massenveranstaltung eine perfekte Organisation.

„Nur noch 20 Minuten bis zum Start“, mahnt der Sprecher die Läufer zum Einordnen in die Startblöcke auf der Straße des 17. Juni. Man hüpft, lacht, witzelt, klopft Sprüche oder schweigt – jeder versucht auf seine Art, die Nervosität zu bewältigen.

Die Spannung steigt, als die Topläufer vorgestellt werden. „Was muss ich beachten, es ist heute mein erster Marathon?“, fragt Anne aus London noch aufgeregt ihren Laufkollegen. „Lauf einfach los“, ruft er ihr  zu. Die Startmusik setzt ein. „Drei, zwei, eins“ – der  Startschuss fällt und  eine  große Traube gelber Luftballons steigt in den wolkenlosen Himmel. Zehntausende zum Teil maskierte Läufer schieben sich jubelnd Richtung Startlinie vor und drücken ihre GPS-Uhren. Die  42,195 km lange Sightseeing-Tour durch die deutsche Hauptstadt hat begonnen.

Die  Zuschauer am Streckenrad warten längst  darauf, den heutigen „Helden von Berlin“ Beifall zu spenden. „Allein das Anfeuern ist hier ein Wahnsinnserlebnis“, sagt Peter, der eigentlich seine Freundin begleitet, doch  jedem einzelnen Läufer Mut zuspricht. Man hört ihn aber kaum. Der Lärm entlang der gesamten Laufstrecke, die an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Berlins vorbeiführt, ist einfach zu groß. Dutzende Blasmusikgruppen, Trommler , Jazz- und Rockbands halten die Läufer in Schwung. „Wir sind stolz auf dich!“, liest man auf vielen Schildern der brüllenden Zuschauer. Laut Angaben der Organisationen sind fast eine Million Menschen zur Marathon-Party nach Berlin gekommen.

Max aus Frankfurt bekommt Krämpfe und beginnt zu humpeln. „Auf geht’s Max, du schaffst es“, rufen ihm sofort etliche Zuschauer zu. „Ihr seid auf der Weltmeisterstrecke“ versucht auch der Platzsprecher beim Kilometer 40 die letzten Kräfte der Läufer für den Endspurt zu mobilisieren.

Am Horizont wird allmählich das Brandenburger Tor sichtbar. Und selbst die gerade noch schmerzverzerrten Gesichter vieler Läufer bekommen ein zufriedenes Strahlen. Das Handy für das  Selfie vom Zieleinlauf wird ausgepackt. „Sitzt meine Frisur für das Zielfoto?“, scherzt einer und hüpft voller Begeisterung und mit Tränen in den Augen durchs Ziel.

Auch die vielen Helfer sind von den Emotionen der Läufer überwältigt. „Gratuliere“, sagt ein  junger Berliner  strahlend und hängt jedem der Finisher eine Medaille um den Hals. Viele können am nächsten Tag kaum gehen, doch den Beweis ihrer Heldentat durch Berlin tragen sie noch immer stolz auf der Brust.