2) Ursachen
Das Kniegelenk muss beim Laufen enormen Kräften standhalten und ist daher naturgemäß prädisponiert für Überlastungsschäden. Bislang ging man davon aus, dass die Schmerzen während des Laufens durch ein Scheuern des Tractus iliotibialis am äußeren Knochenvorsprung des Oberschenkelknochens am Knie (Epicondylus lateralis femoris) entstehen, jedoch weisen jüngere Studien darauf hin, dass die Sehnenplatte auf den Knochenvorsprung drückt. Zudem können Probleme an der Hüfte die Beschwerden auslösen. Aufgrund der Komplexität des Knies und verschiedenen äußeren Faktoren gibt es für ein Läuferknie nicht nur eine spezifische Ursache, sondern es können diverse Gründe vorliegen, allein oder kombiniert.

Überblick über mögliche erworbene oder anatomische Ursachen:

Erworbene Ursachen
a) Allgemeine Trainingsfehler
Zu hohes Trainingspensum: Eine zu intensive Trainingsbelastung bewirkt eine ständige Beanspruchung des Tractus iliotibialis und kann letztlich zu einer Reizung führen. Insbesondere Langdistanzläufer und überambitionierte Sportler sind gefährdet.
Fehlbelastung der Beine durch falschen Laufstil: Der individuelle Laufstil kann entscheidend sein, ob Schmerzen auftreten, da er das Zusammenspiel des Bewegungsapparats maßgeblich beeinflusst. Funktioniert der Ablauf nicht reibungslos, kann dies eine Fehlbelastung der Kniegelenke verursachen.
Zu schnelle Trainingssteigerung: Wer zu schnell zu viel will, setzt seinen Bewegungsapparat einen exzessiven Druck aus. Darunter leidet letztlich auch das Knie. Gerade Anfänger oder Läufer mit erhöhtem Körpergewicht sollten das Training ihrem individuellen Leistungsstand anpassen.
Falscher Laufuntergrund: Trainiert man überwiegend auf hartem (Beton, Asphalt, Tartanbahn etc.) oder unebenem Untergrund (Sand, gewölbte Straße, Wald etc.), wird das Kniegelenk extrem strapaziert.
Fehlendes Ausgleichstraining: Laufen fordert den gesamten Körper, sodass ein Trainingsprogramm für Läufer verschiedene Körperpartien mit einschließen sollte. Speziell für die Kniegelenke spielen die Hüft- und Oberschenkelmuskulatur eine entscheidende Rolle und sollten deswegen gezielt trainiert werden.
b) Ungeeignete Laufschuhe
Häufig lösen falsch gewählte oder unpassende Laufschuhe das Läuferknie aus. Vor allem unnötige Einlagen, die beim Laufen ein Einknicken nach innen bzw. außen verhindern sollen (Pronations- bzw. Supinationsstützen) können zu einer Fehlbelastung des Knies führen und das Entstehen des Tractussyndroms unterstützen. Des Weiteren können abgenutzte Schuhe ohne ausreichende Dämpfung oder der Wechsel der Schuhe Kniebeschwerden hervorrufen.

Anatomische Ursachen
a) Fehlstellungen der Beine
Zahlreiche Läufer leiden unter Fehlstellungen sowie Instabilität ihrer Beinachsen, was unbehandelt ein iliotibiales Bandsyndrom hervorrufen kann. Hierbei unterscheidet man zwischen Genu valgus, besser bekannt als X-Bein, oder Genu varus, eher geläufig als O-Bein. Vor allem Patienten mit dieser Fehlstellung besitzen ein erhöhtes Risiko, an einem Tractusscheuern zu erkranken, da hierdurch im Ansatzgebiet (seitlicher Schienbeinkopf und oberer seitlicher Schienbeinschaft) der Sehnenplatte des Tractus iliotibialis unphysiologisch starke Druck- und/oder Zugbelastungen  auftreten können.

b) Fußfehlstellungen (Senkfuß, Knickfuß, Spreizfuß, Plattfuß, Hohlfuß)
Beim Senkfuß reduziert sich spürbar die Wölbung des Fußes von der Ferse zum Vorderfußballen. Typischerweise knickt der Fuß nach innen, während der Knöchel auf der Innenseite herausragt (Knickfuß). Unter Spreizfuß wird ein Auseinanderweichen der Knochen des Mittelfußes verstanden. Im Laufe der Zeit kommt es durch die Absenkung des Fußquergewölbes zu Beschwerden mit Verbreiterung des Vorfußes. Häufig treten Kombinationen dieser Fußfehlstellungen auf, daher sind Knick-Senkfuß oder Senk-Spreizfuß ebenso geläufige Bezeichnungen. Liegt das Längsgewölbe komplett am Boden auf, spricht man von einem sogenannten Plattfuß. Weist der Fuß dagegen eine stark überhöhte Fußlängswölbung auf, nennt man dies Hohlfuß. Manche Läufer haben zudem mit einer Überpronation, also einem starken Abkippen des Fersenbeins nach oben, zu kämpfen. Wenn bei Fußfehlstellungen nicht therapeutisch oder orthopädisch eingegriffen und die Ursache behandelt wird, kommt es meistens zu Schmerzen und Abnutzung in den Füßen und später in anderen Gelenken. Zu befürchten sind im Laufe des Lebens Überlastungsschmerzen der zu schwachen Fußmuskulatur. Diese verschiedenen Fußfehlstellungen können die Entstehung eines iliotibialen Bandsyndroms begünstigen.

c) Dysfunktionale Muskulatur
Eine stark verkürzte oder zu schwache Hüftmuskulatur zieht häufig eine rasche Ermüdung der Stabilisationsfunktion des Beckens nach sich. Infolgedessen erhöht sich die Zugspannung im Tractus iliotibialis. Einen ähnlich negativen Effekt kann eine nicht ausreichend trainierte oder zu kurze vordere Oberschenkelmuskulatur bewirken. Verstärkt werden die muskulären Dysbalancen durch einseitiges oder nicht zielgerichtetes Training.

d) Beinlängendifferenz
Der Ursprung für das iliotibiale Bandsyndrom kann unter Umständen in einer Beinlängendifferenz liegen. Man unterscheidet zwischen einer anatomischen, „echten“ Beinlängendifferenz aufgrund unterschiedlicher Unterschenkel- bzw. Oberschenkellängen, und einer funktionellen Beinlängendifferenz, die auf eine Verkürzung (Kontraktur) von Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien zurückgeht. Bereits eine geringfügige Abweichung der Beinlängen kann bei ambitionierten Läufern zu Beschwerden führen und sollte daher ausgeglichen werden.

3) Pathophysiologie
Die exakten Prozesse für die Entstehung eines Tractus iliotibialis-Symptoms sind bislang noch nicht hinreichend geklärt, sodass auch das Krankheitsbild nicht vollständig beschrieben werden kann. Die größten Kräfte auf den Tractus entstehen bei einem Kniebeugewinkel von 20-30°. Dies ist ziemlich genau der Winkel, der beim Laufen auftritt, wenn der Fuß den Boden berührt. Daher ist zu vermuten, dass das Scheuern bzw. der erhöhte Druck der Sehnenplatte auf den Knochenvorsprung des Oberschenkels entzündliche Reaktionen in den myofaszialen Strukturen im Kniebereich hervorruft, die für die Schmerzen verantwortlich sind. Bereits minimale Risse oder Verklebungen der Faszien können Beschwerden auslösen, da sich Nerven und Rezeptoren in den Gewebestrukturen befinden, die entsprechende Schmerzsignale aussenden.